Mission und Bildung

„Alle Menschen, gleich welcher Herkunft, welchen Standes und Alters, haben kraft ihrer Personenwürde das unveräußerliche Recht auf eine Erziehung, die ihrem Lebensziel, ihrer Veranlagung, dem Unterschied der Geschlechter Rechnung trägt, der heimischen kulturellen Überlieferung angepaßt und zugleich der brüderlichen Partnerschaft mit anderen Völkern geöffnet ist, um der wahren Einheit und dem Frieden auf Erden zu dienen.“ (GE 1)

Kenianische Schulkinder und ihre Zukunftsträume Kenianische Schulkinder und ihre Zukunftsträume

Was die Konzilsväter des II. Vatikanums vor nunmehr gut einem halben Jahrhundert als zentralen Kerngedanken für den kirchlichen Bildungsauftrag festgehalten haben, lässt sowohl eine positive Auseinandersetzung als auch eine gewisse Abgrenzung im Hinblick auf den fortschreitenden säkularen Bildungsdiskurs der (Post)Moderne erkennen: Denn während das hier zitierte Dokument „Gravissimum educationis“ in seiner Präambel zum einen entschieden das Grundrecht eines jeden Menschen auf eine ganzheitliche Entwicklung und Ausbildung der eigenen Persönlichkeit betont – und damit zweifellos bewusst einen Bogen zur internationalen Charta der Menschenrechte schlägt –, ist die konziliare Rhetorik an entscheidender Stelle noch vom Schlagwort der „Erziehung“ geprägt. Implizit leitet sich eine solch spezifische Begrifflichkeit wohl von jener christlichen Grundausrichtung ab, welche schon der biblische Missionsauftrag Christi an seine Apostel vorgibt:

„Darum geht zu allen Völkern, und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe.“ (Mt 28,19f.)

„Erziehung“, so scheint es, schließt bereits eine entsprechende Intention des Erziehenden, der jeweiligen Bildungsinstitution mit ein – im christlichen Kontext kann es sich dabei zweifellos nur um die für den Menschen heilvolle Vermittlung des Glaubens an Jesus Christus handeln. Eine solche hier vorfindliche ursprüngliche Verknüpfung von Verkündigung und Lehre, von Missions- und Bildungsauftrag der kirchlichen Gemeinschaft macht folglich offenbar, weshalb das IWM den Themenkomplex „Mission und Bildung“ als eigenständigen Arbeitsbereich gefasst hat: Beide Felder sind gemäß dem Selbstverständnis einer Kirche, welche sich als „Sakrament des Heils“ (s. v.a. LG 1; 48; AG 1) begreift, nicht ohne einander zu denken – und müssen daher in eben dieser inneren Zusammengehörigkeit immer wieder neu angefragt und positioniert werden.

Doch tun sich gerade angesichts einer derartigen Verhältnisbestimmung auch verschiedene Fragen auf, denen es kritisch nachzugehen gilt: Wie etwa lässt sich die wesenhafte innere Verflechtung von Mission und Bildung insbesondere mit Blick auf die veränderten Bedingungen der Gegenwart systematisch tiefer begründen? Und ist angesichts des radikalen Wandels im Missionsverständnis der letzten Jahrzehnte nun nicht auch ein neuer Zugang zum christlichen Bildungsauftrag vonnöten? Oder hat sich das kirchliche Engagement im Bereich der Bildungsarbeit in der Praxis schon längst als caritativer Dienst im Einsatz für ein universales Menschenrecht etabliert – und damit zugleich ein Stück weit losgelöst von der missionarischen Zielsetzung, welche noch die Formulierung der „Erziehung“ nahelegt?

Grundschülerinnen in IndienGrundschülerinnen in Indien ©Markus Luber

Erfreulicherweise liegt der theoretischen Reflexion dieser theologischen Paradigmen international ein praktisches Lernfeld von einzigartigem Potential zugrunde. Schließlich ist die Katholische Kirche mit ihren knapp 200.000 Bildungseinrichtungen derzeit die weltweit größte nicht-staatliche Bildungsakteurin: Knapp 60 Mio. Menschen besuchen kirchliche Kindergärten, Schulen, Berufsschulen, Hochschulen, Universitäten oder nehmen an vielfältigen Formen kirchlicher Erwachsenbildung teil. Den unterschiedlichen Einrichtungen und Angeboten wird von Seiten der Politik ebenso wie von der Bevölkerung selbst zumeist eine hohe Wertschätzung entgegengebracht, sodass die christlichen Bildungseinrichtungen vielfach als bedeutende Schnittstelle des Dialogs zwischen Kirche und Welt fungieren. Auch und gerade von der Verantwortung dieser konkreten Wirklichkeit her ist es für das Wirken der kirchlichen Gemeinschaft im Bildungskontext unabdingbar, das eigene Tun im Horizont christlicher Sendung bewusst zu reflektieren und aus dieser heraus immer wieder neu fruchtbar zu machen.

Neben den Erfahrungen der Katholischen Kirche als Bildungsakteurin und einer (missions-)theologischen Verortung eines christlichen Bildungsbegriffs tangiert das Forschungsfeld „Mission und Bildung“ zudem auch die höchst aktuelle Thematik des weltkirchlichen Lernens. Dabei wird die theologische Frage nach einer innerkirchlich fundierten interkulturellen Hermeneutik ebenso in den Blick genommen wie konkrete Lernformen. So konnte etwa der Ansatz des Globalen Lernens im Rahmen eines Studientages hier am IWM vertieft werden. Die Entwicklung der katholischen Kirche von der West- zur Weltkirche ist in vollem Gange und den zahlreichen formellen und informellen Formen weltkirchlichen Lernens kommt dabei eine enorme Bedeutung zu. Globale Lernansätze können deshalb z.B. im Bereich der weltkirchlichen Partnerschaftsarbeit ein bereichernder Impulsgeber sein. Deren Reflexion und Multiplikation ist daher ebenso eine wichtige Aufgabe theologischer Forschung im Horizont der Weltkirche, wie sie hier am IWM verfolgt wird.
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Verantwortlich: Veronika Maierhofer