Mission und Migration

Die weltweiten Migrationsbewegungen implizieren spezifische Herausforderungen und Chancen in Bezug auf die Gestalt der jeweiligen Ortskirchen.

Hintergrund

In jüngerer Zeit nimmt die Zahl missionstheologischer Beiträge, die sich direkt oder indirekt mit der Migrationsthematik befassen, deutlich zu. Dabei wächst das Bewusstsein dafür, dass die Migranten und Migrantinnen selbst Subjekt des kirchlichen Missionsauftrages sind.

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Weltkirche vor Ort © TK

Die Missionsbewegungen der katholischen Kirche haben in einem jahrhundertelangen Prozess der Inkulturation des Glaubens mit all seinen problematischen und gelungenen Seiten zu einer Pluralisierung der Glaubenserfahrungen und der damit verbundenen Ausdrucksformen beigetragen, ein Phänomen, das sich keineswegs schmerzfrei vollzog, im Rückblick aber häufig und wohl zurecht als Bereicherung gedeutet wird. Durch die weltweiten Migrationsströme begegnen sich heute in zunehmenden Maße Katholiken und Katholikinnen, welche oftmals in sehr unterschiedlichen Kontexten im Glauben sozialisiert wurden.

Vor diesem Hintergrund wird die Frage nach der konkret erfahrbaren Katholizität der Kirche immer dringlicher. Damit ist der Sachverhalt gemeint, dass die Kirche sich als ein aus allen Völkern gerufenes Volk (lat.: ecclesia) versteht, das zur Gemeinschaft (griech.: koinonia, lat.: communio) berufen ist. Gerade durch die gelebte Einheit in der Vielfalt wird Kirche letztlich glaubwürdig: „Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast“ (Joh 17,21).

In diesem Zusammenhang wächst in Deutschland der in Anlehnung an die Rede von der Parallelgesellschaft innerkirchlich formulierte Vorwurf, die muttersprachlichen Missionen stellten eine Art Parallelkirche dar. Umgekehrt stellt sich auch die Frage, inwieweit es der Kirche in Deutschland gelingt, in den Zuwanderern nicht nur eine Problemgruppe gesellschaftlich und kirchlich zu integrierender Individuen zu sehen, sondern sie als ebenbürtige Schwestern und Brüder im Glauben wahrzunehmen und sich gegebenenfalls durch ihre Präsenz und Andersartigkeit selbst in Frage stellen zu lassen. Gerade auf diese Weise könnten die katholischen Zuwanderer als Träger der kirchlichen Mission gewürdigt werden.

Katholizität im Sinne weltweiter Verbundenheit aller, die sich zu Jesus Christus bekennen, erweist sich im kirchlichen Alltag der Zuwanderungsregionen z.T. als beachtliche Herausforderung. Vor diesem Hintergrund beschäftigt sich der Bereich Mission und Migration des IWM vorwiegend mit den durch Migration wachsenden Schwierigkeiten und Chancen mit Blick auf die Gestalt einer Ortskirche, die einheimischen und zugewanderten Katholiken und Katholikinnen erlaubt, sich als der einen Weltkirche angehörende Schwestern und Brüder wahrzunehmen und zu begegnen.


Inhalte

In der vorangegangenen Beschreibung wird bereits deutlich, dass sich das hier behandelte Forschungsfeld primär mit missions- und pastoraltheologischen Problemstellungen beschäftigt, die sich durch Migration ergeben.

Bezeichnend ist in diesem Zusammenhang, dass die Migrantenseelsorge in den deutschen Bistümern abgesehen von wenigen Ausnahmen bis heute bei der Kategorialseelsorge angesiedelt ist. Dies deutet auf eine Besonderheit der Zielgruppe hin, wodurch diese sich von den übrigen Gläubigen abhebt. Zugleich handelt es sich um ein Spezifikum, das die verschiedenen Zuwanderergruppen offensichtlich miteinander teilen. Mit Blick auf eine angemessene pastorale Arbeit mit den betreffenden Gruppen ist es notwendig, diese Besonderheit präzise auszubuchstabieren.

Es ist davon auszugehen, dass dieses Unterfangen zugleich ein neues Licht wirft auf die Schwierigkeiten und Hürden im Blick auf ein wachsendes Miteinander von einheimischen und zugewanderten Katholiken und Katholikinnen. Die Frage nach den Bedingungen der Erfahrbarkeit und des Gelingens von Einheit in der Vielfalt so wie nach deren theologischer Grundlegung stellt das zentrale Forschungsgebiet des Bereiches dar.

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Weltkirche vor Ort © TK

Die Suche nach einer adäquaten Antwort auf diese Forschungsfrage legt einen interdisziplinären Ansatz nahe. Konkret geht es darum, theologische, soziologische und (sozial-) psychologische Perspektiven herauszuarbeiten und miteinander in Dialog zu bringen um auf diesem Weg zu neuen Erkenntnissen und Handlungsansätzen in Bezug auf die pastorale Wirklichkeit zu gelangen.

Das Themenfeld der pastoraltheologischen Fragen, welches das Miteinander in der Vielfalt thematisiert, wird häufig mit dem Begriff interkulturelle Pastoral umschrieben. Bei der Verwendung dieser Terminologie kommt es darauf an, ein statisches wie auch ein monolithisches Verständnis von Kultur zu vermeiden und die soziale Komponente neben der kulturellen mit einzubeziehen (Stichwort Milieustudie).

Die Arbeit in diesem Bereich zielt zudem auf die theologische Untermauerung pastoralen Handelns durch gezielte theologische Recherchen zu Themenfeldern wie Migration, Einheit in der Vielfalt, Differenz, Alterität, Anerkennung usw. Bei diesen Recherchen sind Elemente der systematischen Theologie (bes. der Christologie) ebenso im Blick wie bibeltheologische Beiträge. Auch die Entwicklungen der – im lateinamerikanischen Kontext – im Entstehen begriffenen Theologie der Migration haben auf Grund ihrer ähnlichen Thematik einen Platz im Bereich Mission und Migration.


Verantwortlich: Tobias Keßler CS