Kann denn aus Nazaret etwas Gutes kommen?

12. März 2018

Anfang März ist beim Pustet-Verlag mit Band 9 die erste Monografie in unserer Reihe „Weltkirche und Mission“ erschienen. Es handelt sich um die Dissertation von Tobias Keßler, der seit Dezember 2009 als wissenschaftlicher Mitarbeiter am IWM für den Bereich „Mission und Migration“ zuständig ist. Thema der Arbeit ist das Verhältnis zwischen einheimischen und zugewanderten Katholikinnen und Katholiken in der deutschen Partikularkirche. Die Überschrift der Studie lautet: „Kann denn aus Nazaret etwas Gutes kommen?“ Dieser in Anlehnung an Joh 1,46 formulierte Titel zeugt von der Voreingenommenheit des Natanael gegenüber Jesus auf­grund von dessen geografischer Herkunft und steht damit symbolisch für die wechselseitigen Vorurteile von Zuwanderern und Einheimischen, die durchaus auch binnenkirchlich ihre Wirkung entfalten. Die Dissertation ist in drei Teile gegliedert, die auf je spezifische Fragen antworten.

Die Rede von der Integration

Teil I problematisiert die unhinterfragte Übernahme der Rede von Integration als erstrebenswertem Ziel der Beziehung zwischen Zuwanderern und Einheimischen in Gesellschaft und Kirche sowie die damit einhergehende, stillschweigende Gleichsetzung von Integration mit Communio im binnenkirchlichen Kontext. Der Autor kommt zum Ergebnis, dass es sich hierbei letztlich um zwei gegenläufige Größen handelt. Während Communio eine zentrifugale Dynamik beschreibt, folgen die öffentlich-politischen Integrationsbestrebungen im Sinne der Maxime des Förderns und Forders einer zentripetalen Logik, welche ihrerseits die Skepsis zahlreicher Zuwanderer gegenüber dem Integrationsdiskurs erklärt. Eine empirische Sondierung im binnenkirchlichen Bereich untermauert die gewonnenen Einsichten und veranlasst den Verfasser zu seiner Empfehlung, für die binnenkirchliche Verhältnisbestimmung von Zuwanderern und Einheimischen auf die Semantik der Integration zu verzichten.

Etablierte und Außenseiter

Teil II fragt nach den zentralen Faktoren, die das Verhältnis von einheimischen und zugewanderten Katholikinnen und Katholiken faktisch determinieren. Die Ausführungen zeigen, dass hierbei neben den kulturellen Differenzen die bestehenden Machtasymmetrien in Gesellschaft und Kirche eine bedeutende Rolle spielen, so dass das Verhältnis zwischen den erwähnten Gruppen primär als eine Beziehung zwischen Etablierten und Außenseitern erscheint. Neben der Analyse der konkreten Interaktionen zwischen Einheimischen und Zuwanderern in den Gemeinden vor Ort, die ebenfalls durch eine empirische Sondierung ergänzt wird, untersucht der Autor hier zudem die Ebene der kirchlichen Institution, die speziell im deutschsprachigen Raum als moderne Organisation konstituiert und durch einen hohen Grad an professioneller Selbstreferenz geprägt ist. Dieser Umstand bedingt trotz der Rede von der Kirchenkrise hierzulande einen Überlegenheitsmythos, der zumindest indirekt eine Abwertung migrantischer Glaubenspraxis einschließt und somit eine für die hiesigen Verhältnisse möglicherweise heilsame Kritik von vornherein gekonnt aushebelt.

Communio als Vermittlung von Einheit und Vielfalt

Vor dem Hintergrund dieser Diagnose fragt der dritte Teil der Monografie schließlich danach, was mit Blick auf die Vision eines in pfingstlicher Einheit in der Vielfalt gelebten Miteinanders von einheimischen und zugewanderten Katholikinnen und Katholiken aus theologischer Sicht nottut. Anhand einer trinitarisch-ekklesiologischen Zusammenschau im Anschluss an das Zweite Vatikanische Konzil gelangt der Verfasser zu dem Ergebnis, dass die Kirche, um ihrem Auftrag angesichts migrationsbedingter Pluralisierung gerecht zu werden, von einer Dynamik geprägt sein muss, die sich als perichoretisch-kenotische Entgrenzung beschreiben lässt. Communio bezeichnet in diesem Zusammenhang das in der Spannung zwischen geschichtlicher Unvollkommenheit und eschatologischer Fülle stehende stets fragile Ergebnis eines unablässigen Ringens um die Vermittlung von Einheit und Vielfalt, das sich in einer durch und durch kenotisch geprägten Missio vollzieht. Im Kontext von Migration und Flucht erweist sich diese missionarische Entäußerung vornehmlich als Entgrenzung zum Fremden, die im binnenkirchlichen Kontext aufgrund des gemeinsamen Bekenntnisses als reziprokes Geschehen zwischen Zuwanderern und Einheimischen zu begreifen ist. Die vielfältigen, mit der Migrationserfahrung einhergehenden Verluste auf Seiten der Zuwanderer sind hierbei als Entäußerungsleistung zu würdigen, so dass in Sachen Entgrenzung zunächst vor allem seitens der Einheimischen ein Nachholbedarf besteht.

Die Monografie schließt mit einer Reflexion zur Erzählung des Buches Rut. Tatsächlich erweist sich die Geschichte der moabitischen Migrantin als Symbol für die zentrale Botschaft der Arbeit, denn: „Erst in einem wechselseitig kenotischen Zusammenspiel von einheimischen und zugewanderten Gläubigen, das die Differenzen und die je unterschiedlichen Rollen in Gottes Heilsplan wertschätzend anerkennt und würdigt, kann das gottgemäße Neue entstehen, das die Kirche als Werkzeug zum Zeichen und Sakrament ‚für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit‘ (LG 1) werden lässt.“

Erklärter Hauptadressat der Arbeit ist das deutsche Segment der hiesigen Partikularkirche. Auch Theologen, die sich mit Migration und Flucht als einem Zeichen der Zeit auseinandersetzen oder in die laufenden Überlegungen zu einer Theologie der Migration involviert sind, werden die Dissertation mit Gewinn lesen. Lohnenswert ist die Lektüre der Monografie zudem für all jene, die im Bereich der Migrantenseelsorge arbeiten oder sich dafür interessieren.

Das Buch umfasst 395 Seiten und kann in gedruckter Form sowie als E-Book erworben werden.

Tobias Keßler