Postkolonialismus und Missionstheologie

Jahrestagung 2017

11. April 2017

Vom 29. bis 31. März fand in Sankt Georgen die nun bereits siebte Jahrestagung des IWM, diesmal zum Thema „Postkolonialismus und Missionstheologie“, statt.

Die Auseinandersetzung mit Geschichte, Struktur, Spätfolgen und Neuformierungen von Kolonialismus stellt in weltkirchlicher und missionswissenschaftlicher Hinsicht eine zentrale Herausforderung dar. 85% des Globus haben eine koloniale Vergangenheit. Die Wunden dieser Geschichte wirken, wie sich in der vor Kurzem eingereichten Klage der Herero und Nama gegen die Bundesrepublik Deutschland wegen Verbrechen während der deutschen Kolonialzeit zeigt, bis heute nach. „Landgrabbing“, der Raubbau von Ressourcen durch internationale Konzerne, aufgezwungene Freihandelsverträge und die ungleichen Auswirkungen des vor allem von den westlichen Ländern verursachten Klimawandels stellen darüber hinaus Formen eines Neokolonialismus dar, der das Zusammenleben von Menschen und Kulturen in der globalen Moderne massiv prägt.

Leela Gandhi

Innerhalb der westlichen (insbesondere der US-amerikanischen Universitäten) hat das Thema Kolonialismus in den letzen Jahrzehnten vor allem durch die sogenannten „postcolonial studies“ neue Aufmerksamkeit erfahren. Nach der Jahrtausendwende entstanden, ebenfalls in den USA, erste Ansätze einer „postkolonialen Theologie“. Im Zentrum postkolonialer Ansätze, die zumeist innerhalb von literatur- und geisteswissenschaftlichen Fakultäten vorangetrieben werden, steht dabei die Untersuchung des Kolonialismus als eines primär diskursiven Phänomens.

Die Tagung des IWM stellte die erste Konferenz innerhalb der deutschsprachigen katholischen Theologie dar, die diesen Forschungsansatz zum Gegenstand einer konstruktiven und kritischen Auseinandersetzung machte, wobei der Fokus über die Auseinandersetzung mit den „postcolonial studies“ hinaus bewusst auch auf andere Formen der Analyse und des Umgangs mit Kolonialismus und Neokolonialismus geweitet werden sollte.

Das Programm der Tagung bildete den Versuch ab, der Vielschichtigkeit der Kontexte und theoretischen Bezugspunkte gerecht zu werden, die die theologische Auseinandersetzung mit post- und neokolonialen Situationen heute prägen. Vertreterinnen und Vertreter einer explizit „postkolonialen“ Theologie wurden dabei in ein Gespräch mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern gebracht, die zwar ebenfalls auf die Herausforderungen post- und neokolonialer Kontexte reflektieren, dies jedoch in Bezug auf andere (befreiungstheologisch, interkulturell oder indigen inspirierte) Ansätze tun. Dadurch sollten Engführungen in den jeweiligen Ansätzen aufgebrochen werden und gegen die Gefahr geschichtlicher Amnesie die lange und breite Tradition (bisweilen auch theoretisch äußerst anspruchsvoller) antikolonialer Widerstandsbewegungen in den unterschiedlichen Kontexten in den Blick gebracht werden. Die Integration unterschiedlicher disziplinärer und konfessioneller Blickwinkel sowie die Verschränkung von Perspektiven unterschiedlicher geografischer Kontexte machten die Tagung zu einer gleichermaßen interdisziplinären, ökumenischen und interkulturellen Tagung.

Den Beginn der Konferenz bildete mit Leela Gandhi (Brown University, USA) eine der wohl profiliertesten Vertreterinnen gegenwärtiger „postcolonial studies“. Gandhi führte in einem anspruchsvollen „kritischen Manifest“ an sieben entscheidende Wegkreuzungen gegenwärtiger postkolonialer Theoriebildung. Die Stichwörter „Assemblage“, „Unterdrückung“, „Theorie“, „Demokratie“, „Verzicht“, „Ethik“ und „Ratschlag für Könige“ dienten dabei als Anzeige von Problemkonstellationen, an die Gandhi jeweils spezifische Vorschläge für die Bestimmung des heterogenen Diskursensembles der „postcolonial studies“ knüpfte. An entscheidenden Stellen (z. B. bei der Konversion des indischen Dalitführers Ambedkar) wurde dabei die Bedeutung sichtbar, die religiösen und spirituellen Motiven für die Entwicklung einer postkolonialen Ethik zukommen kann.

Raúl Fornet-Betancourt

Raúl Fornet-Betancourt (ISIS-Institut, Eichstätt), einer der wohl besten Lateinamerikakenner des deutschen Sprachraums, zeigte im Anschluss daran auf, inwiefern die Antiimperialismusbewegung des 19. und 20. Jahrhunderts für das heutige dekoloniale Denken in Lateinamerika nicht nur wegbereitend war, sondern in vielfacher Weise auch nach wie vor wegweisend sein kann. Fornet-Betancourt warnte vor den Fallstricken des modischen Bemühens „auf der Höhe der Zeit“ zu sein, das bisweilen auch dem postkolonialen Diskurs nicht fremd sei, und mahnte stattdessen die Notwendigkeit eines Denkens „auf der Höhe der Hoffnung“ ein. Auch in dem Beitrag von Betancourt zeigte sich die Bedeutung religiöser und spiritueller Motive innerhalb kolonialer Konstellationen, besonders deutlich etwa an der Bedeutung des Motivs der „Liebe“ bei dem kubanischen Philosophen und Widerstandskämpfer José Martí.

Die renommierte afrikanische Bibelforscherin Musa Dube (Botswana University, Botswana) erkundete in ihrem Abendvortrag die Wege postkolonialer Mission in Bezug auf den afrikanischen Kontext. Gegen verharmlosende Deutungen, die einen Zusammenhang insbesondere zwischen dem Wirken protestantischer Missionare und der erfolgreichen Etablierung demokratischer Strukturen in verschiedenen afrikanischen Ländern herzustellen versuchen (Robert Woodberry), verwies Dube auf die bleibende Ambivalenz des missionarischen Erbes in Afrika. Am Beispiel der „Rhodes must fall“-Kampagne in Südafrika 2014 für die Entfernung von Denkmälern, die an einen der wichtigsten Akteure des britischen Kolonialismus, den Unternehmer Cecil John Rhodes, erinnern, veranschaulichte sie, wie das Erbe des Kolonialismus nach wie vor die afrikanischen Gesellschaften heimsucht und destabilisiert. Dube problematisierte darüber hinaus die Rolle vieler neopentekostaler Kirchen im gegenwärtigen Kontext. Diese bildeten mit ihrem „prosperity gospel“ vielfach den ideologischen Rückhalt für die Etablierung eines neoliberalen Neokolonialismus, ohne dabei der Kolonialismuskritik ausgesetzt zu sein, mit der sich die traditionellen christlichen Kirchen auseinanderzusetzen hätten.

Pausenkaffee

Den zweiten Tag eröffnete Felix Wilfred (State University of Madras, Indien), einer der bekanntesten Vertreter katholischer Theologie in Asien. Wilfred leistete in seinem Beitrag einen Brückenschlag zwischen postkolonialer Theorie und gegenwärtigen asisatischen Theologien. Während er einerseits davor warnte, die Kolonialgeschichte vorschnell als ein bereits erledigtes Kapitel der Menschheitsgeschichte zu betrachten und in diesem Sinn die „postcolonial studies“ als einen Beitrag würdigte, die Erinnerung an und die Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus nicht zur präsent zu halten, sondern auch weiter zu vertiefen, kritisierte er umgekehrt deren Gefahr, sich in abstrakten theoretischen Diskursen zu verlieren. Die stärkere Verortung in konkreten sozialen Bewegungen könne dazu beitragen, die „postcolonial studies“ an konkrete emanzipative Bewegungen rückzubinden und würde umgekehrt auch zur Befruchtung dieser Bewegungen beitragen. Postkoloniale Theologie hätte in diesem Punkt von den verschiedenen Befreiungstheologien Wichtiges zu lernen.

Marion Grau (Norwegian School of Theology, Norwegen), eine Pionierin auf dem Gebiet „postkolonialer Missionswissenschaft“, skizzierte in ihrem Beitrag eindrücklich die gegenwärtige  Herausforderungssituation einer postkolonialen Missionswissenschaft zwischen ökologischer Krise, Formen des neoliberalen Neokolonialismus und dem Erstarken ethnonationalistischer Bewegungen in verschiedenen Kontexten und Kontinenten. Ihre Überlegungen rund um die Frage einer postkolonialen theologischen Hermeneutik veranschaulichten die Ambivalenz von Kommunikations- und Übersetzungsprozessen zwischen Kolonisatoren, Missionaren und indigener Bevölkerung und führten schließlich zur Frage nach den tieferliegenden Ursachen des weißen, vorwiegend maskulinen (Neo-)Kolonialismus der Gegenwart. Die Aufarbeitung der kolonialen Verletzungen im Verlauf der Christianisierung der europäischen Völker sowie die Schaffung neuer Identifikationsmöglichkeiten für die von ihrem globalen Bedeutungsverlust verunsicherte „weiße Männlichkeit“ wurden dabei als zwei meist übersehene, nichtsdestoweniger jedoch entscheidende Aufgaben einer postkolonialen Missionswissenschaft deutlich.

Saskia Wendel (Universität Köln) veranschaulichte die theologische Fruchtbarkeit einer kritischen Auseinandersetzung mit postkolonialer Theorie auf dem Feld der Religionstheologie. Obwohl Wendel die Bedeutung postkolonialer Theorie insbesondere zur Aufdeckung des latenten Eurozentrismus, der sich selbst innerhalb der kritischen Stränge gegenwärtiger westlicher Theologie wie etwa der feministischen oder der politischen Theologie zeige, unterstrich, markierte sie mit Blick auf die bekannte postkoloniale Theoretikerin Gayatri Spivak auch wesentliche Defizite hinsichtlich des Begründungsprogramms postkolonialer Theorie. Auf der Basis der Anerkennung einer freien, handlungs- und sprachmächtigen Subjektivität, die den Diskursen, in die sie hinein verwoben ist, nicht einfach schicksalhaft ausgeliefert ist, und des kategorischen Imperativs Immanuel Kants ließen sich die Anliegen postkolonialer Theorie jedoch gewinnbringend für den religionstheologischen Diskurs fruchtbar machen. Wendel warb in diesem Sinn religionstheologisch für einen „depotenzierten Inklusivismus“, in dem der Universalitätsanspruch religiöser Überzeugungen von Wahrheitsansprüchen klar zu unterscheiden sei und die Anerkennung einer prinzipiellen Gleichwertigkeit der handelnden und glaubenden Subjekte als Basis für eine nicht reduzierbare Vielfalt unterschiedlicher Lebensentwürfe ernst genommen werde.

Workshop Migration in Europa

Juan Manuel Contreras Colín (Universidad Autónoma de la Ciudad de México, Mexiko) analysierte am Beispiel des Nican mopohua, eines indigenen Textes aus dem 16. Jahrhundert, der von der Erscheinung der Jungfrau von Guadalupe berichtet, die spirituellen Wurzeln der indigenen Kolonialismuskritik am Ursprung des europäischen Kolonialsystems. Contreras Colín zeigte auf, wie mit der Conquista Amerikas das damals noch relativ unbedeutende Europa innerhalb kurzer Zeit zur führenden globalen Wirtschafts- und Militärmacht aufsteigt und die Eroberung Amerikas somit als Grundlage für die weitere Expansion der europäischen Mächte im 18. und 19. Jahrhundert angesehen werden kann. Im Nican mopohua zeige sich eine indigene Kritik an den brutalen Ausformungen des Kolonialsystems, die in ihrer Radikalität und in ihrer visionären Kraft für ein alternatives Zusammenleben der verschiedenen Kulturen in Friede und gegenseitigem Respekt später nur selten erreicht wurde. Die indigenen Autoren setzten sich dabei nicht in radikale Opposition zu Europa, sondern verbanden die kritischen Elementen der indigenen und der christlichen Tradition in einer kreativen Synthese, deren Transformationsleistung mit der Hellenisierung des Christentums in den ersten Jahrhunderten durchaus verglichen werden könne. Das „mexikanische Evangelium“ von Guadalupe schaffe es auf diese Weise, die Religion der Eroberer gegen diese selbst zu wenden und könne somit als erste Form einer inkulturierten Theologie der Befreiung in Lateinamerika gelten.

Im letzten Vortrag der Tagung ging Norbert Hintersteiner (Universität Münster) der Frage nach dem Verhältnis von „postcolonial studies“ und Missionstheologie nach. Der Vortrag analysierte, inwiefern die verschiedenen Modelle von christlicher Mission, die in den letzten Jahren als Alternativen bzw. als Fortführung zur klassischen „Missio ad gentes“ entwickelt worden waren, den Anfragen eines postkolonial sensibilisierten Denkens standhalten, um zuletzt für ein Verständnis von Mission als „Missio ex marginibus“ und als „Missio ad vulnera“ zu werben. Beide Motiven, sowohl die Option für die marginalisierten Orte, Menschen und Kulturen als auch die Sensibilität für die menschliche Verletzbarkeit, stellen zentrale Themen der postkolonialen Studien wie der christlichen Mission dar. Auf der Grundlage dieser Schnittfläche böten sich fruchtbare Möglichkeiten für ein interdisziplinäres Gespräch, wechselseitige Inspiration und Kritik.

Felix Wilfred, Claudia Jahnel und Raúl Fornet-Betancourt bei der Podiumsdiskussion

Drei Workshops boten den Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Tagung die Möglichkeit, sich ergänzend zu den Vorträgen in kleineren Gruppen und unter der Leitung ausgewiesener Expertinnen und Experten mit dem Beitrag auseinanderzusetzen, den eine postkolonial inspirierte Theologie für konkrete, aktuell relevante weltkirchliche Themen zu leisten vermag. Musa Dube gab dabei in dem Workshop mit dem Titel: „Reading the bible in the postcolony“ einen Einblick in die Methoden und Perspektiven einer postkolonial inspirierten Interpretation biblischer Texte. Claudia Jahnel (Missio Eine Welt) gestaltete den Workshop „The Future is not ours to see. Postkoloniale Perspektiven auf den ‚religious turn’ in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit“, in dem die kritische Auseinandersetzung mit der verstärkten Aufmerksamkeit im Zentrum stand, den der Faktor „Religion“ in Deutschland inzwischen auch von Seiten der staatlichen Entwicklungshilfe erfährt. Im dritten Workshop: „Migration in Europa aus der Perspektive Postkolonialer Theologie“ standen unter der Leitung von Michael Nausner (Theologische Hochschule Reutlingen) die Perspektiven im Zentrum, die eine postkolonial inspirierte Theologie zum Verständnis und zur Entwicklung von solidarischen Handlungsmöglichkeiten angesichts der gegenwärtigen Herausforderung durch die verstärkten Migrationsbewegungen nach Europa beisteuern kann.

Als Abschluss der Tagung reflektierten Raúl Fornet-Betancourt, Marion Grau, Claudia Jahnel und Felix Wilfred in einer Podiumsdiskussion über die Vorträge der Tagung und versuchten die unterschiedlichen Perspektiven miteinander ins Gespräch zu bringen. Im Zentrum stand dabei die Frage nach den gegenwärtigen und zukünftigen Herausforderungen, vor denen sich eine post- bzw. dekolonial sensibilisierte Kirche und Theologie angesichts der globalisierten Welt von heute gestellt sehen. Die Heterogenität der unterschiedlichen Zugänge, Perspektiven und Erfahrungshintergründe wurde dabei erneut deutlich. Gleichzeitig zeichneten sich jedoch auch gemeinsame Anliegen ab. Konsens herrschte darüber, dass die Auseinandersetzung mit historischen und gegenwärtigen Formen von Kolonialismus für eine Theologie, die angesichts der globalen Herausforderungen der Gegenwart – man denke nur an die Themen Migration und Flucht, die Zerstörung des globalen Ökosystems oder Terrorismus und Fundamentalismus – sprachfähig und glaubwürdig bleiben will heute von größerer Bedeutung ist als je zuvor.

Die Reichhaltigkeit der unterschiedlichen Perspektiven, die große Zahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die Lebendigkeit der Diskussionen und das äußerst positive Echo lassen es als lohnenswert erscheinen, das Thema in Zukunft weiter zu vertiefen. Die Konferenz hat auf alle Fälle einen Anstoß zu einer vertieften Auseinandersetzung mit dem Thema „Postkolonialismus“ innerhalb der deutschsprachigen katholischen Theologie und Kirche gegeben, dem hoffentlich weitere Veranstaltungen und Forschungsprojekte folgen werden.

Die Vorträge der Konferenz werden voraussichtlich im Frühjahr 2017 in einem Konferenzband in der Reihe „Weltkirche und Mission“ im Verlag Friedrich Pustet publiziert werden.

Interviews mit den Referentinnen und Referenten sind in wenigen Wochen auf dem Video-Channel der IWM-Homepage zugänglich.

Weitere Informationen zur Tagung (Programm, Referentinnen und Referenten, Konzept) finden Sie auf der Tagungshomepage.

 

 

Sebastian Pittl