Heilsame Tugenden

Das Forschungsprojekt »Heilsame Tugenden« zielt auf eine Neuinterpretation des christlichen Heilungsauftrages, der in der Heiligen Schrift grundgelegt ist. Dieser Auftrag zur Heilung soll dabei schwerpunktmäßig aus zwei Perspektiven betrachtet werden: Einerseits aus der Sichtweise der Moraltheologie und andererseits aus der Sichtweise der Missionswissenschaft. Die zentralen Arbeitsthesen des Projekts lauten:

  • Die missionswissenschaftliche These:
    Heilung und Verkündigung sind die beiden untrennbaren Seiten der christlichen Sendung (vgl. z.B. Lk 9,2: „Und er sandte sie aus mit dem Auftrag, das Reich Gottes zu verkünden und zu heilen.“). Nach biblischem Verständnis kann es – um es provokant zu formulieren – für den, der nicht glaubt, keine umfassende Heilung geben und umgekehrt muss die Kommunikation des Evangeliums immer auf die Heilung des Menschen ausgerichtet sein. (vgl. z.B. Evangelii nuntiandi 9: „Als Kernstück und Mittelpunkt seiner Frohbotschaft verkündet Christus das Heil, dieses große Gottesgeschenk, das in der Befreiung von der Sünde und vom Bösen, in der Freude, Gott zu erkennen und von ihm erkannt zu werden, ihn zu schauen und ihm anzugehören.“)
  • Die moraltheologische These:
    Ausgehend vom biblisch formulierten Heilungsmonopol Gottes (vgl. z.B. Ex 15,26: „[…] Denn ich bin der Herr, dein Arzt.“) impliziert der Heilungsauftrag nicht die umfassende Heilung Kranker, sondern zunächst die Ausbildung von handlungsleitenden Tugenden, die notwendig sind, um dem Heilungssuchenden in einen Zustand potentieller Heilserfahrung zu verhelfen.

Die argumentative Untermauerung und systematische Entfaltung dieser beiden Hauptthesen erfolgt in drei Schritten:

1. Entwicklung eines theologischen Heilungsbegriffs:
Die Frage, welche Bedeutung der christliche Heilungsauftrag hat, kann nicht beantwortet wenn, wenn nicht zuvor geklärt wird, was unter Heilung überhaupt zu verstehen ist. Heutzutage konkurrieren eine Vielzahl von Heilungsbegriffen miteinander: Restitutio ad integrum, soziale Heilung, ganzheitliche Heilung usw. Dabei zeigt sich, dass die verschiedenen Heilungsbegriffe immer auch von einem bestimmten Menschen- bzw. Weltbild abhängen. Die Entwicklung eines theologischen Heilungsbegriffs soll daher sowohl inter- als auch intradisziplinär erfolgen. Interdisziplinär ist vor allem die Auseinandersetzung mit der medizinischen Theorie und deren Panorama an Heilungsvorstellungen interessant. Zugleich erfordert ein theologischer Heilungsbegriff aber seine Rückbindung an ein christlich-biblisches Menschenbild. Die Grundlage eines solchen Heilungsbegriff bilden die Erkenntnisse der Exegese, der theologischen Anthropologie und nicht zu Letzt auch der Soteriologie. In diesem Kontext ist auch zu fragen, ob Heilung, Gesundheit, Wohl und Glück des Menschen bedeutungsgleich sind oder doch Unterschiedliches zum Ausdruck bringen.

2. Analyse des Zusammenhangs von Verkündigung und Heilung:
Im zweiten Schritt wird das Zueinander von Verkündigung und Heilung als die beiden Kernelemente des biblischen Heilungsauftrags beleuchtet. Hierbei stellt sich zunächst die Frage, wie sie sowohl in ihrer Eigenbedeutung als auch in ihrem Zueinander systematisch interpretiert werden können. Einen aktuellen theologischen Bezug erhält diese Teiluntersuchung u.a. durch die kritische Einbeziehung von gegenwärtigen weltkirchlichen Realisierungsformen dieses doppelten Sendungsauftrages in z.B. charismatischen Kontexten.

3. Diskussion zeitgenössischer theologischer und philosophischer Ansätze der Tugendethik:
Eine tugendethische Interpretation des Heilungsauftrags bedarf sowohl der Rückbindung an die Tradition christlicher Tugendlehre als auch den Dialog mit aktuellen theologischen und philosophischen Tugendethiken. Neben einer systematischen Darlegung und kritischen Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Ansätzen, steht die Frage nach den tugendethischen Implikationen für den Heilungsauftrag im Fokus. Besondere Beachtung soll den sog. Kardinaltugenden geschenkt werden. Ist dieses Set an „Grundtugenden“ mit modernen tugendethischen Ansätzen kompatibel und können sie ein tragfähiges Konzept heilsamer Tugenden ausmachen?

Im Anschluss an diese Einzeluntersuchungen wird es möglich sein, Tugenden im Hinblick auf ein theologisches Heilungsziel inhaltlich zu bestimmen. Das Konzept heilsamer Tugenden kann dann sowohl auf den Heilsvermittler als auch auf den „Kranken“ hin konkretisiert werden.


Kontakt: Markus Patenge