Weltkirche vor Ort

Gegenstand meines Projekts war das Verhältnis zwischen einheimischen und zugewanderten Katholiken und Katholikinnen in Deutschland. Die internationalen Migrationsbewegungen führen zu einer Pluralisierung der Gesellschaft in den Zuwanderungsregionen, die auch die kirchliche Landschaft nachhaltig tangiert. Staat und Kirche in Deutschland nehmen dabei offensichtlich ähnliche Herausforderungen wahr. So ist in diesem Zusammenhang inner- wie außerkirchlich häufig von Integration als einem zumeist unhinterfragt erstrebenswerten Ziel die Rede. Unabhängig von den je konkreten Integrationsvorstellungen ist damit zunächst formal eine normative, gesellschaftlich-kirchliche Erwartung benannt.

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Weltkirche vor Ort © TK

Die gemeinsame Frage in Staat und Kirche, bezogen auf die jeweilige Klientel, lautet: Wie kann Integration gelingen? Der Umstand, dass Integration unter Zuwanderern und Zuwanderinnen außer- wie innerkirchlich immer wieder auch kontrovers diskutiert und als Reizthema wahrgenommen wird, deutet darauf hin, dass der Begriff selbst bereits Teil der Auseinandersetzung um die gegenseitige Verhältnis­bestimmung zwischen Einheimischen und Zuwanderern ist. In der Frage „Wie kann Integration gelingen?“ läuft demnach eine einseitig normative Erwartung mit, die sie in dieser Form als Forschungsfrage disqualifiziert.

Daraus ergab sich die Notwendigkeit einer Zweiteilung der Untersuchung. So ging es zunächst darum, das binnenkirchliche Integrationsanliegen unter dem Gesichtspunkt seiner theologischen Plausibilität kritisch zu beleuchten, insofern gerade diese Perspektive für die kirchlichen Vollzüge handlungsleitend sein will. Die Frage hier lautete: Wie stellt sich das Streben nach binnenkirchlicher Integration aus theologischer Sicht dar bzw. was ist aus dieser Perspektive heraus erstrebenswert?

Erst nachdem das Ziel klar war, konnte der zweite Teil der Forschungsfrage, nämlich die Frage nach dem Weg dorthin, sinnvoll bearbeitet werden. Es zeigte sich, dass es hier, wenngleich unter signifikant veränderten Vorzeichen, weiterhin um die Frage nach den Möglichkeiten gegenseitiger Annäherung geht. Zur Beantwortung dieser Frage bedurfte es der Untersuchung der komplexen Zusammenhänge, die zur Diagnose eines mangelnden Miteinanders führen.

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Weltkirche vor Ort © TK

Die besondere Relevanz der hier skizzierten doppelten Fragestellung ergab sich aus dem Kontext binnenkirchlicher Umstrukturierungsmaßnahmen angesichts schwindender personeller und finanzieller Ressourcen und der damit einhergehenden Debatte um die Zukunft der muttersprachlichen Gemeinden.
Die Grundthese meiner Arbeit lautet: Der gemeinsame Glaube spielt für die Beziehung zwischen einheimischen und zugewanderten Katholiken und Katholikinnen eine untergeordnete Rolle im Vergleich zu den Faktoren der öffentlich-politischen Verhältnisbestimmung, die das Verhältnis nachhaltig belasten. Daraus folgt: Je näher sich die binnenkirchliche Debatte begrifflich bzw. inhaltlich am politischen Diskurs orientiert, umso mehr schadet sie der Beziehung. Daher war es notwendig, die theologische Rede vom Verdacht politischer Interessen zu befreien.

Zugleich muss der daraus resultierende theologische Diskurs den Gläubigen adäquat zugänglich gemacht werden, damit diese die Relevanz des gemeinsamen Glaubens für die gegenseitige Beziehung klar zu erkennen vermögen. Erst unter diesen Voraussetzungen ist eine gegenseitige Öffnung bzw. Annäherung aus eigenem Antrieb vorstellbar. Aus diesen Überlegungen ergab sich ein spezifischer Handlungsbedarf mit Blick auf das theologische Desiderat einer Einheit in unverkürzter, versöhnter Vielfalt.

Die Dissertation wurde im August 2016 eingereicht. Im Mai 2017 erfolgten die Probevorlesung und die Verteidigung. Publiziert wird die Arbeit im März 2018 in der Reihe „Weltkirche und Mission“ beim Pustet-Verlag. Weitere Informationen zur Arbeit finden sich hier.


Kontakt: Tobias Keßler CS