Pentekostalismus:
Topographie – Ressourcen – Konflikte

Gegenwärtige Statistiken zur Verteilung globaler Religions- und Konfessionszugehörigkeiten zeichnen das Bild einer sich rasch verändernden christlichen Landschaft. Einige Wissenschaftler sprechen sogar von einer Verlagerung des statistischen Gleichgewichts der globalen Christenheit von Ländern des Globalen Nordens in Länder des Globalen Südens. Maßgeblich verantwortlich für diese Veränderungen ist das Wachstum pfingstlicher, charismatischer, neo-charismatischer und evangelikaler Gemeinschaften, die von einem Weiterbestehen der sogenannten Geistesgaben (vgl. 1. Kor 12,7–10) bis in die Gegenwart hinein ausgehen.

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Pfingstkirche in Oakland, USA.
Foto: Thomas Hawk

Erhebungen aus dem Jahr 2016 zufolge sollen diese Bewegungen zusammen-genommen derzeit mehr als 600 Millionen Mitglieder stark sein, Tendenz steigend. Zu einem nicht geringen Prozentsatz soll es sich dabei um ehemalige Mitglieder traditioneller protestantischer Kirchen und der römisch-katholischen Kirche handeln. Statistiken zur globalen Verteilung von Religions- oder Konfessionszugehörigkeiten sind nicht unumstritten. Trotzdem zeigen diese Zahlen ohne Zweifel einen bedeutenden Wandel innerhalb des globalen Christentums an und verweisen auf die zunehmende Bedeutung pfingstlicher, (neo-)charismatischer und evangelikaler Gemeinschaften, die hier behelfsmäßig unter dem Begriff „Pentekostalismus“ zusammengefasst werden. Tatsächlich handelt es sich dabei aber um ein Feld, das bei genauerem Hinsehen schnell in eine schier unüberschaubare Vielfalt unterschiedlicher Bewegungen, Organisationen und Akteure zerfällt.

Klassischerweise wird dieses Feld in drei unterschiedliche, aber miteinander in Beziehung stehende „Netzwerke“ (oder auch „Wellen“) unterteilt.

(1) Die „klassische Pfingstbewegung“ (oder „erste Welle“) hat ihren Ursprung in einer Vielzahl unterschiedlicher, sich um die Jahrhundertwende ereignender Erneuerungsbewegungen weltweit. Besonders prägend für die pentekostale Geschichtsschreibung war die Azusa Street-Erweckung in Los Angeles 1906–1908. Aber auch in Asien, Afrika, Lateinamerika und der Karibik kam es nahezu zeitgleich zu ähnlichen Ereignissen. Schon die klassische Pfingstbewegung ist also mehr als nur ein globalisiertes „amerikanisches Phänomen“. Von Anfang an konstituiert sie sich als ein polyzentrales Interaktionsgeschehen.

Konzert der pfingstlichen Band Hillsong in Inglewood, L.A., Mai 2016. Foto: <a href=

Konzert der pfingstlich-charismatischen Band Hillsong in Inglewood, L.A., Mai 2016.
Foto: Michael Saechang

(2) In den 1960er und 1970er Jahren wurden Elemente pfingstlicher Theologie und Praxis auch innerhalb der traditionellen Kirchen mehr und mehr aufgegriffen. Es formierte sich ein neues Netzwerk christlicher Akteure und Gemeinschaften, die zunächst unter dem Begriff „neupfingst-lich“, dann unter der Selbstbezeichnung „charismatische Bewegung“ zusammengefasst werden. Ab den 1970er Jahren entstanden zusätzlich unabhängige, d. h. außerhalb der traditionellen Kirchen stehende, charismatische Gemeinschaften, die sich schnell zu dem am schnellsten wachsenden Segment der charismatischen Bewegung entwickelten.

(3) Ab den 1980er Jahren trat zusätzlich eine dritte Art, untereinander nur lose verbundener, unabhängiger Gemeinschaften hinzu, die behelfsmäßig unter dem Sammelbegriff „dritte Welle“ oder „Neo-Charismatiker“ zusammengefasst werden.

Hauskirche in Shunyi, Beijing, China. Foto: Huang Jinhui

Hauskirche in Shunyi, Beijing, China.
Foto: Huang Jinhui

Von hochmodernen, mit neuester Ton- und Lichttechnik ausgestatteten Megakirchen im urbanen Singapur über die Hauskirchen in China bis zum Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden in Deutschland; von der Xenoglossie, über die performative Rede besonderer „Worte des Glaubens“ zum „Ruhen im Heiligen Geist“ und Methoden der „geistigen Kriegsführung“ – das globale Feld des Pentekostalismus ist geprägt von Gegensätzen und sorgt mit als ungewöhnlich empfundenen Vorstellungen und Praktiken gerade in den traditionellen Kirchen immer wieder für Irritation und Reibung. Diese Heterogenität des Feldes mit der globalen Dimension des Phänomens zusammen zu denken ist das Anliegen dieses Forschungsfeldes, das sich derzeit noch im Aufbau befindet. Es möchte damit zu einem besseren und vertieften Verständnis pfingstlicher, (neo-)charismatischer und evangelikaler Bewegungen beitragen.

Verantwortlich: Esther Berg