Neue Formen gesellschaftlichen Engagements pfingstlich-charismatischer Akteure

Werbung für Sunday Adelajas Fernsehprogramm in Kiew (Foto: Veronica Khokhlova)

Ukraine, Winter 2004. In Kiew brechen sich nach dem Bekanntwerden massiver Wahlfälschungen während der Präsidentschaftswahl Proteste Bahn. Zehntausende Demonstrantinnen und Demonstranten ziehen durch die Straßen. Die Stadt versinkt in einem Meer aus orangenen Bändern, Schals und Fahnen, der Farbe des unterlegenen, pro-westlichen Präsidentschaftskandidaten. Mitten im Zentrum der Stadt, auf dem Unabhängigkeitsplatz, errichtet die Gemeinde der Megakirche Embassy of God des gebürtigen Nigerianers Sunday Adelaja eine Zeltkapelle. Mitglieder der Kirche versorgen die Protestierenden mit heißem Essen, warmen Kleidern und einem Platz zum Schlafen. Wie die anderen Demonstranten und Demonstrantinnen auch fordern sie die Überprüfung des umstrittenen Wahlergebnisses und verlangen doch gleichzeitig viel mehr. Die Ukraine bedürfe nicht nur eines politischen Neuanfangs, sondern auch einer spirituellen Revolution. Durch ihr öffentliches Engagement wollen die Gemeindemitglieder deshalb nicht nur faire Wahlen erreichen, sondern einen grundlegenden gesellschaftlichen Wandel anstoßen. Den Missionsbefehl—„go and make disciples of all nations“ (Mt 18,19, New International Version)—versteht Sunday Adelaja wörtlich. Aufgabe der Glaubenden weltweit sei nicht die Bekehrung Einzelner, sondern die Transformation ganzer Nationen gemäß christlicher Wert- und Idealvorstellung ausgehend von der bereits angebrochenen Gegenwart des Königreiches Gottes auf Erden. Dafür ruft er Christinnen und Christen weltweit dazu auf, in allen Bereichen der Gesellschaft aktiv zu werden: „We must permeate, influence, and change the society“ (Adelaja 2008). Im Blick hat Sunday Adelaja dabei aber nicht nur die Ukraine, sondern auch Nigeria und den ganzen Kontinent Afrika. Mit dem „Nigeria Transformation Project“ möchte er nach 30 Jahren in Europa in sein Geburtsland zurückkehren: „to go and rebuild the continent of Africa so that this continent will move from being the least developed continent and the dark continent of the world to join the commitee of nations as one of the progressive … continents of the world (Adelaja 2016).

Eines der Kirchengebäude der Megakirche City Harvest Church in Singapur (Foto: Matthias Deininger)

Singapur, Herbst 2013. Die Halle bebt. Auf der Bühne des Auditoriums im Suntec City Convention Centre spielt die Lobpreisband der Megakirche City Harvest Church auf. Hunderte Kirchenbesucherinnen und -besucher stehen wippend und klatschend in ihren Sitzreihen und singen aus vollen Kehlen. Unzählige Schweinwerferbatterien tauchen die Bühne in ein explodierendes Lichtspektakel. Suchscheinwerfer ziehen über das Publikum hinweg, während mehrere Kameras die Szenerie für die Online-Liveübertragung einfangen. Gut eine halbe Stunde später betritt Kong Hee, Gründer und Seniorpastor der Kirche, die Bühne. Unter der Überschrift „Revelation of the 7 Mountains“ legt er der Gemeinde seine Vision einer Kirche dar, deren Mitglieder sich in allen Bereichen der Gesellschaft einbringen und diese aktiv mitzugestalten. Um das zu erreichen sollen sie äußerlich werden „wie die Welt“—erfolgreiche Geschäftsleute, Künstlerinnen und Künstler, Lehrerinnen und Lehrer, Politikerinnen und Politiker—und doch im Glauben eine innere Distanz wahren. Vor allem in ihren Wertvorstellungen und ihrer Lebensgestaltung müssten sich Christinnen und Christen von „der Welt“ unterscheiden, um zwar „in der Welt“, aber nicht „von ihr“ zu sein. Auf diese Weise, da ist sich Kong Hee sicher, wird es Christinnen und Christen gelingen, die Gesellschaft gleichsam von innen heraus zu transformieren und so zur Verwirklichung des zukünftigen Reiches Gottes auf Erden beizutragen. Kong Hee nennt dies das „Cultural Mandate“ der Kirche. Wie Sunday Adelaja hat er dabei aber nicht nur Singapur im Blick, sondern den ganzen Raum Asien-Pazifik.

In unterschiedlichen Kontexten ist in letzter Zeit viel von der „Entdeckung“ der Religionen in der Entwicklungsarbeit und den Development Studies zu hören. Für viele Entwicklungsakteure vor Ort gehört die Zusammenarbeit mit religiösen Organisationen längst zum Alltag—genauso wie die wachsende Präsenz pfingstlich-charismatischer und evangelikaler Akteure, die ihrerseits seit einiger Zeit das öffentliche Engagement für sich entdecken. In Folge dieser Entwicklungen stellt sich für einige kirchliche und zivilgesellschaftliche Akteure die Frage nach einer möglichen Zusammenarbeit mit pfingstlich-charismatischen und evangelikalen Partnern und das nicht nur mit Blick auf die Entwicklungsarbeit im Globalen Süden, sondern auch im Bereich sozialer Dienstleistungen und zivilgesellschaftlichen Engagements im Globalen Norden. Andere stehen einer solchen Kooperation eher kritisch gegenüber, weil sie die theologischen Grundlagen oder die Art und Weise, wie sich entsprechende Akteure, Institutionen und Netzwerke öffentlich engagieren, für problematisch halten. Hinzu kommt, dass die gegenseitige Wahrnehmung nach wie vor häufig durch Vorurteile und eine mangelnde Kenntnis entsprechender religiöser Traditionen, Diskurse und Praktiken geprägt ist. Ein Umstand, der eine differenzierte Wahrnehmung und Beurteilung pfingstlich-charismatischer und evangelikaler Gemeinschaften und Initiativen erschwert.
Vor diesem Hintergrund setzt sich ein künftiges Forschungsprojekt des IWM mit neuen Formen gesellschaftlichen Engagements pfingstlich-charismatischer Gemeinschaften auseinander. In den Blick nimmt das Projekt dabei vor allem solche unabhängigen neocharismatischen Akteure und Netzwerke, deren Initiativen auf Grundlage verschiedener sogenannter Königreichs- oder Herrschaftstheologien (kingdom/dominion theologies) darauf zielen, einen grundlegenden gesellschaftlichen Wandel herbeizuführen wie Sunday Adelajas Projekt einer „nationalen Transformation“, Kong Hees „Cultural Mandate“ oder Lance Wallnaus „Seven Mountain Mandate“. Erste vorliegende Arbeiten machen darauf aufmerksam, dass es sich dabei um ein junges, aber hoch dynamisches und beständig wachsendes, internationales Netzwerk verschiedener Akteure, Gruppen, Institutionen und Initiativen handelt, die seit den 1990er Jahren zunehmend an Sichtbarkeit und Bedeutung gewinnen. In der Wissenschaft standen sie bislang im Schatten anderer oftmals als „orthodox“ (hier im Sinne von rechtgläubig, gemeint ist aus Sicher der Gemeinschaften) oder „fundamentalistisch“ beschriebener Bewegungen, die in der Umsetzung ihrer Visionen gottgefälliger Gesellschaften auf Gewalt und Terror setzen und deshalb vor allem nach den verheerenden Anschlägen vom 11. September 2001 in den Fokus der Forschung gerückt sind.

Vor diesem Hintergrund wird das Projekt den Fragen nachgehen:
• Wer sind die zentralen Akteure innerhalb dieses Diskurfeldes?
• In welcher Beziehung stehen sie zueinander?
• Welche theologischen Entwürfe liegen diesen Initiativen zugrunde?
• Was für einen Wandel soll angestoßen werden und wie?
• Inwieweit knüpfen konkrete Initiativen an global zirkulierende Trends, Diskurse und Praktiken an und inwieweit antworten sie auf ihre je spezifischen, lokalen Kontexte?
• Zu welchen Konflikten könnte eine mögliche Umsetzung führen oder in welche Auseinandersetzungen sehen sich spezifische Gruppen schon jetzt verstrickt?

Mit der Beantwortung dieser und andere Fragen möchte das Projekt zu einem tieferen Verständnis gegenwärtiger Entwicklungen im pfingstlich-charismatischen Feld beitragen und Einblick geben in den Bereich pfingstlich-charismatischen Engagements in der Öffentlichkeit.

Esther Berg-Chan


Kontakt: Esther Berg-Chan