Säkularisierung interkulturell

Säkularisierung wurde lange Zeit als ein irreversibles europäisches Schicksal betrachtet, von dem erwartet wurde, dass es früher oder später auch alle anderen Kulturräume ereilen würde.

Diese Wahrnehmung hat sich in den letzten Jahrzehnten deutlich verschoben. Die Pluralisierung der europäischen Gesellschaften und die religiöse Vitalität in anderen Kulturen haben viele WissenschaftlerInnen veranlasst, ihre ursprünglichen Säkularisierungsprognosen zu revidieren und stattdessen von einem Fortbestehen religiöser Traditionen als eines wesentlichen Faktors innerhalb der globalen Moderne auszugehen.

© Ramesh NG, flickr.com

Streng genommen bestehen religiöse Traditionen in der globalen Moderne jedoch nicht einfach fort, sondern unterliegen massiven Transformationsprozessen, in denen Säkularisierungs- und Resakralisierungsprozesse auf komplexe Weise ineinander greifen und sich auch die Parameter für die Bestimmung des Verhältnisses von Religion und Politik laufend rekonfigurieren. Bei der Analyse dieser Prozesse zeigen sich dabei immer deutlicher die Unzulänglichkeiten eines eurozentrisch verengten Säkularisierungsparadigmas. Problematisch erscheinen vor allem die folgenden Aspekte, auf die der spanische Religionssoziologe José Casanova hingewiesen hat: a) eine protestantisch geprägte Engführung von „Religion“ auf den Bereich subjektiver Innerlichkeit; b) ein liberal geprägtes Vorverständnis von „Politik“ und „Öffentlichkeit“; c) die Fixierung auf den souveränen Nationalstaat als den uneingestandenen Bezugsrahmen für die Verhältnisbestimmung von Religion und „säkularer“ Politik (vgl. Casanova, Public Religion in the Modern World, 1994).

© Dimitris Kamaras, flickr.com

Wegweisend für den interkulturellen Diskurs um Säkularität sind daher Konzepte wie das der „multiple secularities“ geworden (vgl. Burchard et. al., Multiple Secularities Beyond the West. Religion and Modernity in the Global Age 2015). Darin werden der Vielförmigkeit des Verhältnisses von religiösen Traditionen und politischem Raum Rechnung getragen und auch die unterschiedlichen begrifflichen und institutionellen Muster berücksichtigt, in denen sich diese Differenz in den unterschiedlichen Kulturen zum Ausdruck bringt. Entscheidend ist dabei, Kulturen nicht nur in ihrer Verschiedenheit, sondern auch in ihrer vielfältigen Veflochtenheit ins Auge zu nehmen. Transkulturalität ist kein sekundäres Phänomen, sondern für den Entstehungs- und Formierungsprozess von allen Kulturen konstitutiv.

Interkulturelle Untersuchungen von Säkularisierungsphänomenen stehen nach wie vor am Anfang. Als Forschungsdesiderate erscheint dabei eine breite Palette an Themen, von der interkulturellen und interreligiösen Begründung von Demokratie und Menschenrechten über Fragen des Verhältnisses von Religion und Öffentlichkeit in unterschiedlichen Kontexten bis hin zur Analyse der unterschiedlichen institutionellen Arrangements, in denen verfasste Religionsgemeinschaften und staatliche Strukturen innerhalb der globalen Moderne interagieren.

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Das vorliegende Projekt stellt angesichts gegenwärtiger Renationalisierungstendenzen das Verhältnis von Christentum und Nation in den Mittelpunkt seiner Analysen. Hintergrund ist dabei die Annahme, dass die schillernde Größe „Nation“ einen zentralen Bezugspunkt der politischen Vergemeinschaftung in der Moderne und somit einen wesentlichen, wenn auch selten explizit bearbeiteten Referenzpunkt moderner Säkularisierungstheorien darstellt. Nation taucht in der globalen Moderne in äußerst unterschiedlichen Gestalten, als aufklärerische, faschistische, postkoloniale Nation etc. auf. An der modernen Nation zeigen sich daher auch in besonders augenscheinlicher Gestalt die Ambivalenzen der globalen Moderne, insbesondere was die Verschränkung von Inklusion und Exklusion auf unterschiedlichsten Ebenen (konfessionell, ethnisch, sozial…) betrifft.

Ebenso vielfältig wie die Erscheinungsweisen der Nation sind die theologischen Verhältnisbestimmungen zur Nation in den unterschiedlichen Kontexten. Das Projekt analysiert an Hand dreier exemplarischer Beispiele aus dem europäischen, dem lateinamerikanischen und dem südostasiatischen Raum, wie sich christliche Theologie in unterschiedlichen kulturellen Kontexten zur Größe Nation in Beziehung setzt. Untersucht werden dabei insbesondere die folgenden Aspekte:

  • die Rolle von Religion und insbesondere des Christentums in der Konstitution moderner Nationalstaaten;
  • theologische Motive sowohl innerhalb nationalistischer als auch antinationalistischer Bewegungen;
  • der Zusammenhang bzw. Widerstreit zwischen ethnischen, theologischen und politischen Bezugnahmen auf „Nation“;
  • Repräsentationsweisen des „Volkes (Gottes)“ beziehungsweise äquivalenter Kategorien innerhalb der Kirche und innerhalb der politischen Nation;
  • Beiträge der Religionsgemeinschaften und Kirchen zur Etablierung nicht-exkludierender Öffentlichkeiten und Vergemeinschaftungsformen auf nationaler und internationaler Ebene.

Das Projekt möchte mit der Analyse dieser Aspekte einen Beitrag zu einem gerade angesichts der gegenwärtigen politischen Herausforderungssituation relevanten Strang der Säkularisierungsdebatte leisten sowie zur theologischen Klärung des Verhältnisses von Christentum und globaler Moderne beitragen.

 

Verantwortlich: Sebastian Pittl