Wunder der Wunden

10. Februar 2015

Papstreise nach Sarajevo

Papst Franziskus sorgte erneut für eine Überraschung. Am 1. Februar gab er beim Angelus-Gebet auf dem Petersplatz bekannt, am 6. Juni nach Sarajevo zu reisen, in das Land – so könnte man sagen – der Wunder der Wunden.

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Eine Reise nach Bosnien und Herzegowina kann nie vergessen werden. Die Wunder der Landschaft, die einmalige Stimmung von Sarajevo als Hauptstadt des Landes, die durch ihre Architektur in die vergangene Geschichte von Österreich-Ungarn aber auch vom Osmanischen Reich führt, beeindrucken die Besucher. Das Land kann aber nicht nur wegen seiner schönen Landschaft bewundert werden, sondern vor allem wegen seiner Bewohner. Denn die Durchsetzungskraft des Lebens kann hier, trotz großer Armut und existenzieller Schwierigkeiten einfach bewundert werden. Bei 40 Prozent Arbeitslosigkeit fragt man, wie gutes Leben in diesem Land Europas möglich ist, und ob es überhaupt möglich ist? Zwischen 50 und 70 Prozent der Jugendlichen haben keine Arbeit und so auch keine Perspektive auf ein gelingendes Leben, in dem nicht die Angst das Sagen hat. Unzählige Menschen leben hier unter dem Einkommensminimum. Eigentlich ein Wunder der Wunden, was dieses Land noch zusammenhält. Papst Franziskus reist also wieder zu Menschen am Rande der Gesellschaft. Er besucht die drei Völker, die in Bosnien und Herzegowina irgendwie zusammenleben, trotz unterschiedlicher ethnischer Identität, trotz verschiedener Religionszugehörigkeit. Aber was weiß man über dieses Land und über seine Hauptstadt, und welche Bedeutung hat hier eine Papstreise, die Dritte ihrer jüngeren Geschichte?

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Sarajevo und Mostar waren während des jüngsten Balkankrieges im Fokus der Aufmerksamkeit, genauso wie Belgrad, Zagreb oder Dubrovnik. Leider alle wegen Gewalt und Leid, das der Krieg  ihnen zugefügt hat. Die bosnisch-serbische Belagerung von Sarajevo während des Krieges war die längste Belagerung in ihrer Geschichte und mit ihren 1.425 Tagen auch die längste Belagerung einer Stadt überhaupt im 20. Jahrhundert. Von 1992 bis 1996 sind hier, Schätzungen nach, 12.000 Menschen getötet, darunter 1.600 Kinder, 56.000 Menschen  schwer verletzt worden. Heute leben in der Stadt knapp 300.000 Menschen (ganz Bosnien und Herzegowina hat knapp 4.000.000 Einwohner). Die ethnische Zuordnung der Bevölkerung steht zugleich für die religiöse Zugehörigkeit: die Bosniaken sind Muslime (etwa 77% der Bevölkerung in Sarajevo), die Serben sind Serbisch-Orthodox (etwa 12% der Bevölkerung in Sarajevo) und etwa 8% der Einwohner sind hier Kroaten. Sie gehören der römisch-katholischen Kirche an. Weitere 3% der Hauptstadt-Bevölkerung sind Sepharden, Roma oder Juden). Dementsprechend ist Sarajevo – genannt auch als Klein Jerusalem – Sitz des Großmuftis der bosnisch-herzegowinischen Muslimen, des Metropoliten der Serbisch-Orthodoxen Kirche und eines Erzbischofs der Römisch-Katholischen Kirche. Ganz Nahe zueinander findet man hier Moscheen, Kirchen und Synagogen. 

Die Bemühungen der Religionsgemeinschaften und der NGOs im Lande, Versöhnung unter den Völkern zu schaffen, aufrichtigen Dialog aufzubauen stehen seit Jahren auf der Tagesagenda. Das beweisen auch wissenschaftliche Reflexionen im Bereich der Theologie über die schwierige Situation in diesem Land. Derzeit arbeiten zwei junge Theologen aus Bosnien in Wien zum Thema Versöhnung in ihrer Heimat. Mario Vukoja forscht zum Thema Dialog zwischen Christen und Muslimen und Marijan Orsolic reflektiert über die Rolle der NGOs und der Religionen in der Versöhnung zwischen den Völkern als einzigem Weg für die Entwicklung im Lande. Ihre Meinung zur Papstreise steht ohne Kommentar an dieser Stelle und mag den kurzen Bericht zu der geplanten Bosnien-Reise von Franziskus abrunden: 

VukojaMario Vukoja: «Es war eine große Überraschung für alle in Bosnien und Herzegowina, als Papst Franziskus am letzten Sonntag bekanntgegeben hat, dass er im Juni nach Sarajevo reisen will. Der Papst ist zwar tatsächlich seitens des Staatsoberhauptes und kirchlicher Würdenträger eingeladen worden, aber nicht für dieses Jahr sondern für das Jahr 2014, zum Jahrhundertjubiläum des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges. In der Lokalpresse wurde damals über seinen Besuch spekuliert, aber es gab keine offizielle Bestätigung. Jetzt, als alle die Einladung schon vergessen haben, hat nun der Papst wieder alle überrascht. Das Programm, abgesehen davon was der Papst selbst sagte, ist noch nicht bekannt. Alles bleibt noch eine Überraschung. Es scheint, dass der Papst nicht für die Geschichte und das Jubiläum des Krieges interessiert war, sondern für ein Land an der Peripherie, dessen heutigen Menschen tief in eigenen geschichtlichen, politischen und wirtschaftlichen Problemen begraben sind, und von allen vergessen und vermieden werden.»

  

M.OrsolicMarijan Orsolic: «Es freut mich besonders, dass Papst Franziskus gerade mit der Botschaft des Friedens und des interreligiösen Dialogs nach Bosnien kommt, nicht nur weil ich eben diesen Themen mein Leben und Studium gewidmet habe, sondern weil unsere Post-Konflikt-Gesellschaft wahrhaftig an der Kreuzung zwischen dem Dialog und dem Untergang steht. Bosnien und Herzegowina ist eine Gesellschaft, in der die herrschende Oligarchie der Finanzmagnaten und der (Rechts)Parteien – aufgrund ihrer ungerechten Privilegien und oft mit Hilfe von nicht-authentischen Kreisen der Religionsgemeinschaften – jede prophetische Stimme zu ersticken versucht. Deswegen freuen wir uns auf den Besuch eines Propheten in Sarajevo, und hoffen, dass er die Religionsgemeinschaften mit seinen Botschaften anregen kann, dass sie sich von den Machtzentren der Politik abwenden und sich mehr der Zivilgesellschaft und den sozial Marginalisierten annähern. Schon die rezente Beschleunigung des Seligsprechungsprozesses des Erzbischofs Oscar Romero aus Salvador durch den Papst stellt eine positive Botschaft in diese Richtung dar. Die Tatsache, dass die Ankündigung des Papstbesuches mit ehrlicher Freude von den Angehörigen aller Religionsgemeinschaften in BuH empfangen worden ist, spricht davon, dass er in seinem bisherigen Pontifikat schon viele gute und symbolhafte Akzente gesetzt hat.»

Klara A. Csiszar

Quelle: Radio Vatikan, Wikipedia, Domradio, FAZ
Fotos: Utikalauz, Wikipedia, Pastorales Forum