Politischer Pentekostalismus

Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts galt die Pfingstbewegung als weltabgewandt und öffentlichkeitsscheu. Ihre Bemühungen konzentrierten sich auf eine strenge moralische Disziplin und die Pflege einer individuellen Heiligkeit (holiness). Seit den 1960er Jahren jedoch vollzog sich im pfingstlich-charismatischen wie auch evangelikalen Feld ein Wandel hin zum aktiven Engagement in Welt und Gesellschaft. Dieses schlug sich in Aktivitäten wie etwa der Bekämpfung der HIV-Pandemie in Afrika, der Schaffung von Bildungsmöglichkeiten für Kinder aus prekären Verhältnissen, der Errichtung von Gesundheitskliniken oder der Entwicklung von Programmen für Straßenkindern nieder. Ab der Jahrtausendwende lässt sich zudem weltweit ein explizites politisches Engagement von Seiten dieser Akteure beobachten. Angesichts dieser Zäsur ist in bestimmten Kreisen bereits von einer „vierten Welle“ der Bewegung oder gar von Post-Pentekostalismus die Rede.

Es besteht die Vermutung, dass die jüngsten Entwicklungen mit einem gewandelten Selbstverständnis und erneuerten theologischen Weltbild der pentekostalen Bewegung korrelieren (Forschungshypothese). Im Mittelpunkt dieses Projekts stehen daher sowohl solche jüngsten Entwicklungen innerhalb des Pfingstchristentums als auch die möglichen Zusammenhänge zwischen aktivem Engagement, (gewandeltem) identitärem Selbstverständnis und theologischer Reflexion. Da der politische Diskurs in verschiedenen Ländern gegenwärtig zunehmend religiös gefärbt wird, bietet sich dieser als zentraler Forschungsgegenstand an, um zweierlei zu eruieren: Auf der einen Seite drängt sich die Frage auf, wie das Spannungsfeld von Religion und Politik derzeit gestaltet wird, vor allem im Hinblick auf die ‚Falsifizierung‘ mancher Säkularisierungsthese. Auf der anderen Seite gilt es zu erforschen, ob und inwiefern die angenommenen Korrelationen zutreffend sind, welche Selbstbilder und (theologische) Weltbilder der Pentekostalismus durch das öffentliche Auftreten oder sozialpolitische Wirken vermittelt bzw. in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden (Forschungsmethode). Besonders in den Blick werden dabei drei Länder genommen, in denen diese Entwicklungen besonders ausgeprägt sind, nämlich Brasilien, Nigeria und die Philippinen.

Fotos

 

Pfingstchristen beten für den brasilianischen Präsidenten Jair Messias Bolsonaro.
Foto: Carolina Antunes/PR.

 

 

Vertreter der im brasilianischen Parlament wirkenden, sogenannten „Evangelischen Fraktion“ reichen beim Präsidenten des Senats einen Gesetzesänderungsentwurf ein, der ihren Immobilien steuerliche Vorteile verschaffen soll. Foto: Jane de Araújo/Agência Senado.

 


Kontakt: Leandro Bedin Fontana