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Glaube in Migration – Buchbesprechung

Glaube in Migration – Buchbesprechung

Anfang Oktober 2019 ist im Verlag des Schweizerischen Postoralsoziologischen Instituts (SPI) unter dem Titel „Glaube in Migration. Religion als Ressource in Biographien christlicher Migrantinnen und Migranten“ eine Studie von Eva Baumann-Neuhaus erschienen. Das Buch ist Teil einer Doppelstudie, deren Pendant von Simon Foppa unter dem Titel „Kirche und Gemeinschaft in Migration. Soziale Unterstützung in christlichen Migrationsgemeinden“ vorgelegt wurde. Die Doppelstudie wurde von 2015 bis 2019 am SPI in Zusammenarbeit mit der Universität Luzern durchgeführt und vom Schweizerischen Nationalfonds gefördert.

 

Die beiden Bände antworten auf eine Forschungslücke, die die Bedeutung von Religion und Gemeinschaft für christliche Migrantinnen und Migranten angesichts der mit Migration einhergehenden Kontingenzerfahrungen betrifft. Die Untersuchungsgruppe bildeten spanischsprachige christliche Zuwanderer in der Schweiz.

Eva Baumann-Neuhaus ist promovierte Religionswissenschaftlerin und Ethnologin. Sie arbeitet seit 2009 als wissenschaftliche Projektleiterin am Schweizerischen Postoralsoziologischen Institut (SPI) in St. Gallen.
Aus den Erhebungen von Eva Baumann-Neuhaus geht hervor, dass die Brucherfahrungen hauptsächlich in den Bereichen Familie, Beziehung und Partnerschaft, Bildung und Arbeit, gesellschaftliches Umfeld und Teilhabe, Gesundheit und Zukunft gemacht wurden. Die Erzählungen der Migrantinnen und Migranten zeigten auch, dass Migration lange vor der Ausreise beginnt und dass das Unterfangen selbst nicht selten bereits durch entsprechende Kontingenzerfahrungen motiviert ist. Deshalb unterscheidet die Verfasserin zwischen den Herausforderungen in der Zeit vor und nach der Migration. Ein wesentlicher Faktor mit Blick auf die Umstände, die schließlich zur Migrationsentscheidung führen, ist die Vorstellung, dass es zur je gegebenen Situation eine Alternative gibt oder geben könnte. Die Befragten nannten als persönliche Gründe für die Migrationsentscheidung die Aus- oder Weiterbildung, die berufliche Zukunft und Karriere, wirtschaftliche Aufstiegserwartungen, Partnerschaft, Familienzusammenführung, scheinbar ausweglose Lebensumstände sowie die Hoffnung auf ein besseres Leben. Vor ihrer endgültigen Entscheidung versuchten die Betroffenen, sich auf unterschiedlichen Wegen über die Schweiz zu informieren und die Informationen mit ihren Erwartungen abzugleichen. Trotz aller vorbereitenden Maßnahmen hielt die Migration für die Betroffenen zahlreiche neue Kontingenzerfahrungen bereit, die nicht vorhersehbar waren und mit denen die meisten nicht gerechnet hatten.

 

Der mit Migration einhergehende Wechsel des gesellschaftlichen Kontextes stellt die Migrierenden mitunter vor gewaltige Herausforderungen. Auch ungeachtet der sprachlichen Hürde kommt es zu Problemen in der Verständigung, die dem Eintauchen in ein neues Referenzsystem in Bezug auf Sinn und Orientierung geschuldet sind. So werden ehemalige Selbstverständlichkeiten unversehens zu Problemen und erlernte Routinen erweisen sich als nicht praktikabel und somit wertlos und die hohen Erwartungen an das Leben im Aufnahmekontext werden oftmals bitter enttäuscht. Hinzu kommt bei religiös geprägten Menschen die schmerzhafte Erkenntnis, dass Religion und religiöse Praxis im öffentlichen Leben in der Schweiz nur eine sehr geringe Rolle spielen. Der hier vorgefundene religiöse und konfessionelle Pluralismus sorgt für weitere Irritationen. Und selbst die Teilnahme an Gebeten und Gottesdiensten der eigenen Konfession ist nicht selten von dem Gefühl begleitet, nicht dazuzugehören. Umgekehrt hält die Migration aber auch positive Erfahrungen bereit wie etwa ein Gefühl von Sicherheit oder ein stabiles Einkommen.

 

Die aus den Erhebungen gewonnenen Einsichten der Autorin münden in eine Typologie, bei der vier Typen für je unterschiedliche Strategien der Kontingenzbewältigung stehen. Auch der Rekurs auf Religion als Ressource für Sinnstiftung und Coping variiert mit dem jeweiligen Typus. Insgesamt wird deutlich, dass der Rekurs auf Religion als Ressource der Kontingenzbewältigung in hohem Maße von der religiösen Sozialisation im Herkunftskontext und damit von der Verfügbarkeit eines religiösen Repertoires abhängt, das im Bedarfsfall Migration auf unterschiedliche Weise reaktiviert werden kann. Wo ein solches Repertoire zur Verfügung steht, kommt es angesichts der migrationsbedingten Kontingenzerfahrungen häufig zu einer subjektiven Neuerschließung des Religiösen im Aufnahmekontext. Ausschlaggebend für Ergebnis dieser Neuerschließung ist zum einen die Frage nach den zur Verfügung stehenden Optionen (religiöse Sozialisierung und Sprachfähigkeit) und zum anderen die freie Wahl des Subjekts in der Begegnung mit den Möglichkeiten und Angeboten im Aufnahmekontext.

 

Ein großes Verdienst der von Eva Baumann-Neuhaus vorgelegten Arbeit besteht zweifellos darin, das Erleben der Migrierenden und deren Umgang mit den migrationsspezifischen Diskontinuitätserfahrungen aus deren Subjektperspektive sichtbar gemacht zu haben. Dadurch entsteht ein aufschlussreiches Gegenbild zu einem verbreiteten Narrativ, das die Zugewanderten als Integrationsverweigerer inszeniert, die nur darauf bedacht sind, ihre Traditionen zu bewahren und sich möglichst nicht zu verändern. Die Ausführungen von Eva Baumann-Neuhaus zeigen, wie sehr das Leben von migrierenden und migrierten Menschen in Bewegung ist. Außerdem wird deutlich, dass die zur Verfügung stehenden Rückzugsorte entgegen dem Vorwurf, der Segregation Vorschub zu leisten, einen oftmals entscheidenden Beitrag zur Integration der Zugewanderten leisten, vorausgesetzt man versteht unter Integration nicht die einseitige Assimiliation an die Verhältnisse im Aufnahmekontext, sondern mit Eva Baumann-Neuhaus eine kreative, je individuelle Synthese subjektiver Selektionen aus den unterschiedlichen Sinnofferten und Ordnungssystemen des jeweiligen Herkunfts- und des Aufnahmekontextes.

 

Neben den von der Autorin genannten Anschlussmöglichkeiten sehe ich der Arbeit auch für die Migrantenseelsorge wichtige Anknüpfungspunkte. Gerade die religiösen Gemeinschaften sollten meines Erachtens Vorreiter bei der Transformation der Narrative in Bezug auf die Migrierenden sein, die sich bedauerlicherweise auch in den Kirchen häufig als Menschen zweiter Klasse erfahren. Das Buch von Eva Baumann-Neuhaus liefert hierzu wichtige Impulse.

 

 

Leseprobe und Erwerbsmöglichkeit u. a. direkt beim Shop des SPI.

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    Tobias Keßler

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