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Die deutsche Mission und der Völkermord in Namibia

Gefährliche Erinnerung

Am 5. Januar 2017 reichten Vertreter der Volksgruppen der Herero und Nama in New York eine Sammelklage gegen Deutschland wegen Massaker ein, die deutsche Truppen während der Kolonialzeit in Deutsch-Südwestafrika (heutiges Namibia) verübt hatten.

 

Die Klage bezieht sich auf die Ereignisse zwischen 1904 und 1908, als in der von Generalleutnant Lothar von Throta geführten Niederschlagung von Aufständischen geschätzte 65.000 Herero (von insgesamt ca. 80.000) sowie 10.000 Nama (von insgesamt ca. 20.000) ums Leben kamen.

 

Hintergrund der Aufstände der Herero und Nama war die brutale Unterdrückung durch die deutschen Siedler und Kolonialbehörden, die nicht nur zunehmend Weideland und Viehbestände, und damit die Lebensgrundlage dieser Völker, in ihren Besitz brachten, sondern die schwarze Bevölkerung auch als Menschen zweiter Klasse behandelten. Prügelstrafen standen auf der Tagesordnung. Vergewaltigungen und selbst Morde der Siedler an den Schwarzen blieben zumeist ungesühnt oder wurden nur geringfügig bestraft.

Koloniale Denkmäler in Namibia idealisieren deutsche Soldaten auch heute noch als Helden (© Marta de Jong-Lantink)
Als am 12. Januar 1904 der Aufstand losbrach, war der Gouverneur Theodor Leutwein, Sohn eines evangelischen Pastors, völlig überrascht. Die Herero überfielen erfolgreich Farmen und Handelsniederlassungen und belagerten Militärstationen. Obwohl sich die Kämpfe ausschließlich gegen die deutsche Besatzung richteten und Angehörige anderer Nationalitäten sowie Frauen und Kinder weitgehend verschont blieben, kursierten in Deutschland sehr bald Schreckensnachrichten über die blutrünstige Abschlachtung weißer Frauen und Kinder. Kaiser Wilhelm II beauftrage daraufhin Lothar von Throta, der sich bereits bei der Unterdrückung von Aufständen in Deutsch-Ostafrika hervor getan hatte, mit der Niederschlagung des Aufstands. Throta ging mit ausgesprochener Brutalität vor. Nachdem seine Truppen in einer Kesselschlacht ein Blutbad unter den Herero angerichtet hatten, trieben sie die Überlebenden in die Omahek-Wüste und schnitten sie systematisch von allen Wasserquellen ab. Am 2. Oktober 1904 erließ Throta eine Proklamation „an das Volk der Herero“, worin es heißt: “Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen. Ich nehme keine Weiber und Kinder mehr auf, treibe sie zu Ihrem Volk zurück oder lasse auf sie schießen.“ Die Vernichtung der Herero innerhalb des deutschen Kolonialgebiets war damit als erklärtes Ziel benannt. Zehntausende Männer, Frauen und Kinder verdursteten.

 

Die Ereignisse werden von Historikern heute als erster Genozid des 20. Jahrhunderts eingestuft. Die vom polnisch-jüdischen Anwalt Raphael Lehmkin entwickelte juristische Kategorie „Genozid“ ist zwar erst seit 1948 als Straftatbestand im Völkerrecht verankert, die Kriterien, insbesondere die gezielte massenhaften Tötung von Mitgliedern einer ethnischen Gruppe mit der Absicht die gesamte Gruppe zu vernichten, treffen jedoch auf die Verfolgung und Tötung der Herero und Nama zu. Der Historiker Helmut Bley weist in einer Studie darüber hinaus auf Zusammenhänge zwischen der Radikalisierung der deutschen Siedler in Namibia und der Brutalisierung der Kriegsführung im Ersten Weltkrieg sowie dem Vernichtungskrieg des Dritten Reichs gegen die Sowjetunion hin.

 

Die deutsche Regierung hat die Massaker in Namibia erst im Vorjahr, also zeitgleich mit dem vieldiskutierten Beschluss der Resolution zum „Völkermord“ an der armenischen Bevölkerung durch den Bundestag, als „Genozid“ anerkannt. Derzeit laufen Verhandlungen zwischen dem Auswärtigen Amt und Vertretern der namibischen Regierung, denen eine gemeinsame Erklärung der beiden Parlamente und eine offizielle Entschuldigung Deutschlands folgen sollen.

Viele Herero und Nama fühlen sich von der namibischen Regierung jedoch nicht angemessen repräsentiert und fordern, auch selbst in die Verhandlungen eingebunden zu werden. Der Herero-Vertreter Vekuii Rukoro wies bei einem Besuch im Oktober 2016 in Berlin darauf hin, dass die beiden Volksgruppen eine Entschuldigung ohne Entschädigungszahlungen nicht akzeptieren würden. Mit dem Geld soll unter anderem Land zurückgekauft werden, das den Herero und Nama nach den Massakern entwendet worden war und seit damals nicht zurückgegeben wurde.

 

Individuelle Entschädigungszahlungen will Deutschland jedoch nicht leisten. Stattdessen sollen Gelder in eine „Zukunftsstiftung“ fließen , um Erinnerungsprojekte zu finanzieren, sowie Entwicklungsprojekte unterstützt werden, die den Bevölkerungsgruppen der Herero und Nama zu Gute kommen. Ein Sprecher des Auswärtigen Amtes weist auch auf die bereits bisher von Deutschland geleistete Entwicklungshilfe in Namibia hin, in der sich zeige, dass Deutschland sich seiner historischen Verantwortung bewusst sei. (Namibia ist das Land in dem Deutschland die höchsten Entwicklungshilfezahlungen pro Kopf leistet.) Ein wichtiger Grund für die reservierte Haltung der Bundesregierung bezüglich Reparationszahlungen dürfte auch die Sorge sein, einen Präzedenzfall zu schaffen, der weitere Forderungen wegen Massakern und kolonialen Strafaktionen in Tansania (Schätzungen beziffern die Todesopfer der Niederschlagung des Maji-Maji-Aufstands durch deutsche Truppen von 1905–1908 in Deutsch-Ostafrika auf bis zu 300.000 Personen), Togo, Kamerun und der Südsee nach sich ziehen könnte.

 

Aus missionswissenschaftlicher Perspektive ist die Frage relevant, welche Rolle die christlichen Missionen in den Ereignissen rund um den Völkermord in Deutsch-Südwestafrika spielten. Manche der Missionare, die großteils der evangelischen Rheinischen Missionsgesellschaft zugehörten, übten von Beginn an vehement Kritik an dem Vorgehen der deutschen Truppen gegen die Herero und Nama und zogen sich damit die Feindschaft der deutschen Siedler auf sich, andere versuchten zwischen den Konfliktparteien zu vermitteln, indem sie über Hintergründe der Aufstände informierten und um Verständnis für die Herero und Nama warben. Waren die christlichen Missionare die ersten Kritiker der kolonialen Unterdrückung und eine ursprünglich unpolitische, „friedenstiftende“, „neutrale“, „humanitäre“ und „passive“ deutschen Mission, die bereits ab 1842 in Südwestafrika aktiv war, erst mit der Etablierung einer deutschen Kolonie 1884 in den Sog eines rassistischen Kulturimperialismus geraten?

 

Der Afrika-Forscher Clemens Pfeffer weist in einer Studie über das Verhältnis von Mission und Kolonialismus in Deutsch-Südwestafrika dieses auch bei manchen Historikern anzutreffende Bild zurück. An Hand einer Analyse der Berichte der Rheinischen Missionsgesellschaft, der „konstanteste[n] und zugleich ausführlichste[n] vorkoloniale[n] Informationsquelle über Südwestafrika“, zeigt er auf, dass die vorkolonialen „Heimatmissionen“ mit ihren vielfältigen Aktivitäten einen maßgeblichen Einfluss auf das Bild der außereuropäischen ‚Anderen‘ in Deutschland“ hatten, der für die spätere Kolonialpolitik in vielerlei Hinsicht wegbereitend war. Pfeffer weist darauf hin, dass Missionsberichte ein wichtiges Medium nicht nur zur Herausbildung einer gemeinsamen nationalen Identität gewesen seien, sondern auch ein breites Interesse an kolonialer Expansion geschaffen hätten. Insbesondere die christliche Landbevölkerung sei ohne die Mission „kaum für ein koloniales Projekt“ zu mobilisieren gewesen.

 

Die rheinische Missionsgesellschaft förderte jedoch nicht nur die koloniale Stimmung in Deutschland, sondern drängte – bis 1884 allerdings vergeblich – die preußische Regierung bzw. das Deutsche Reich auch direkt dazu, Südwestafrika unter seinen offiziellen Schutz zu stellen. Nach Beginn der Kolonialherrschaft beriet die Missionsgesellschaft die Kolonialverwaltung in vielfältiger Weise in Fragen der Kolonialisierung.

 

Trotz dieser aktiven Rolle in der deutschen Kolonialpolitik widerspricht Pfeffer der These des US-amerikanischen Soziologen Georg Steinmetz, der in der „negativen Homogenität“ der Repräsentation der Herero in den Berichten der Rheinischen Missionsgesellschaft als „grausames“ und „unmenschliches “ Volk den Genozid von 1904 bereits vorgezeichnet sieht. Zwar sei ein bestialisierender Diskurs über die Herero tatsächlich bei zahlreichen Missionaren seit den 40er-Jahren zu finden, etwa wenn Johannes Rau, einer der ersten Herero-Missionare über die „schmutzige, feile, hündische Natur“ der Herero schreibe oder der Missionar Heinrich Schöneberg eine auf der Missionsstation aufgetauchte Gruppe von „weggelaufene[n]“ Herero-Frauen als „Hurenklique“ und „miserables Pack“ bezeichne, die man „aus der Welt schaffen“ sollte, „wenn sie nicht Menschen wären“. Diesen Schilderungen stehen jedoch auch exotisierende Idealzeichnungen der Herero insbesondere in Missionsreiseberichten gegenüber. Der Missionar Carl Heinrich Beiderbecke berichtet etwa von seiner Begegnung mit „überraschend schönen, an Europäer erinnernde Hereró, mit fast adeligem Benehmen und Anstand“, die „wahrhaft liebenswürdige Personen“ seien und ihre Treue gegenüber den Missionaren und „dem Guten“ beweisen würden. Der rassistische Unterton ist freilich auch in diesem Umkehrbild deutlich zu vernehmen.

 

Die evangelische Kirche und die Nachfolgeorganisation der Rheinischen Missionsgesellschaft, die Vereinte Evangelische Mission, bemühen sich inzwischen offensiv um eine Aufarbeitung der eigenen Verstrickung in die Kolonialgeschichte. Eine Synode der Evangelischen Kirche im Rheinland forderte 2004 anlässlich des hundertsten Jahrestages des Völkermordes die deutsche Bundesregierung auf, sich offiziell bei den Herero und Nama zu entschuldigen und sich der historischen Verantwortung Deutschlands zu stellen. Mit einer umfangreichen Dokumentation und mehreren Informationsveranstaltungen leistet die Evangelische Kirche seither einen wertvollen Beitrag zur Aufklärung über die Kolonialgeschichte in Deutsch-Südwestafrika und die Rolle der Rheinischen Missionsgesellschaft. Auch die von einem ökumenischen Bündnis getragene Kirchliche Arbeitsstelle Südliches Afrika (KASA) ist Unterzeichnerin einer 2015 veröffentlichten Petition, die die Bundesregierung zur Aufarbeitung, Entschuldigung und Wiedergutmachungsmaßnahmen auffordert sowie dazu, mit den Herero und Nama in einen direkten Dialog zu treten.

 

Der Völkermord in Deutsch-Südwestafrika sowie seine Vor- und Nachgeschichte zeigen in aller Deutlichkeit die Vielschichtigkeit der Verflechtung von Kolonialismus und Mission, in der Missionare sowohl als Triebkräfte, Kollaborateure, aber auch als (zumindest partikulare) Widerstandsmomente gegen imperiale Kolonialpolitik und den kolonialen Diskurs erscheinen. Eine wesentliche Aufgabe heutiger Mission liegt zweifellos darin, sich den „gefährlichen Erinnerungen“ (Metz) der Vergangenheit wie dem Genozid an den Herero und Nama zu stellen, zur ihrer Aufarbeitung beizutragen und die Nachfahren der Opfer, bei aller Sensibilität für die Komplexität sozialer und politischer Dynamiken, in die solche Prozesse eingebunden sind, dabei zu unterstützen, auch international gehört zu werden. Das Eingeständnis historischer Schuld wird dabei freilich nur dann nicht zur Heuchelei, wenn es auch Änderungen in den gegenwärtigen wirtschaftlichen und politischen Beziehungen zur Folge hat. Die Kirchliche Arbeitsstelle Südliches Afrika engagiert sich deshalb nicht bloß für historische Gerechtigkeit, sondern leistet in aktiver Weise Lobby- und Kampagnenarbeit für die Förderung sozialer und wirtschaftlicher Gerechtigkeit im Kontext von Globalisierung und Klimawandel. Insbesondere Deutschland hätte die Möglichkeit, sich innerhalb der Europäischen Union für eine gerechtere Wirtschaftspolitik gegenüber den afrikanischen Staaten einzusetzen.

 

 

Hinweis:

Die kommende Jahrestagung des IWM  versammelt von 29.–31. März 2017 internationale Expertinnen, um Herausforderungen für die Entwicklung einer Missionstheologie im postkolonialen Kontext zu diskutieren.

  • t

    Sebastian Pittl

Quellen
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    Clemens Pfeffer, Koloniales Denken im Spiegel der Rheinischen Missionsberichte : neue Perspektiven zum Verhältnis von Mission und Kolonialismus in Südwestafrika, 1842 – 1884, Wien 2010.

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    Clemens Pfeffer, Koloniale Repräsentationen Südwestafrikas im Spiegel der Rheinischen Missionsberichte, 1842‐1884, in: Stichproben. Wiener Zeitschrift für kritische Afrikastudien Nr. 22/2012, 12. Jg., 1‐33.

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    Georg Steinmetz, The Devil’s Handwriting. Precoloniality and the German Colonial State in Qingdao, Samoa, and Southwest Africa, Chicago 2007.

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    Helmut Bley, Kolonialherrschaft und Sozialstruktur in Deutsch-Südwestafrika, Hamburg 1968.

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    Ausführliche Information und Hinweise zu weiterführender Literatur bieten die Webseiten der „Gesellschaft für bedrohte Völker“ sowie genocide-namibia.net.

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