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Perspektivenwechsel in der Flüchtlingsfrage

Was man von Peter Paul Cahensly lernen könnte.
Zur Möglichkeit eines Perspektivenwechsels in der Flüchtlingsfrage

„Millionen verlassen ihre Heimat um in einer neuen Welt ihr Glück zu suchen. Die wenigsten ahnen, was sie in der Fremde erwartet. Betrügerische Agenten schicken Emigranten oft mit falschen Versprechungen ins Verderben. Viele Auswanderer überleben nicht einmal die Überfahrt.“

 

Diese Zeilen beschreiben, auch wenn es auf den ersten Blick so scheinen mag, nicht die aktuelle Flüchtlingskrise in Europa, sondern die Situation deutscher Auswanderer in die USA in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Das Zitat ist ­– mit kleinen Änderungen – der Webseite des Raphaelswerks entnommen, einem ursprünglich vom Limburger Kaufmann Peter Paul Cahensly 1871 gegründeten Verein zum Schutz katholischer deutscher Auswanderer.

© RV 1864
Wirtschaftskrisen und demografische Veränderungen hatten im 19. Jahrhundert auch in den deutschsprachigen Gebieten zu mehreren Massenauswanderungswellen geführt. Mehr als 5 Millionen Menschen wanderten alleine in die USA aus. Die Mehrzahl davon würde man heute als „Wirtschaftsflüchtlinge“ bezeichnen.

 

Auch damals gab es viele, die mit der Hoffnung verzweifelter Menschen ihr Geld zu verdienen versuchten: fragwürdige Logierwirte und falsche Agenten, „Schlepper“ würde man sie heute nennen.

 

Der tief gläubige Peter Paul Cahensly erlebte das Elend der Übersee-Emigranten bei einem Aufenthalt in Le Havre und beschloss sich zu engagieren. Der nach dem Erzengel Raphael, dem Schutzpatron der Reisenden, benannte „St. Raphaels-Verein“ sollte Auswanderungswilligen organisatorische Hilfe und Schutz bieten.

 

Die Mitglieder des Vereins versorgten die Emigranten dazu schon vor der Abreise mit Informationen über die Zielländer. Fahrkarten wurden besorgt und Vertrauensleute in allen großen Häfen halfen bei der Vermittlung von Unterkünften vor und nach der Überfahrt. Bei ihrer Ankunft in der neuen Heimat wurden die Auswanderer in Empfang genommen und erhielten Unterstützung bei der Arbeits- und Wohnungssuche.

 

Ein besonderes Anliegen war Cahensly die seelsorgliche Betreuung der Emigranten. Entschlossen setzte er sich für die Errichtung muttersprachlicher Gemeinden ein, die den Emigranten helfen sollten, ihre sprachliche und kulturelle Identität zu bewahren. Dies stieß zum Teil auf erbitterten Widerstand. US-Kardinal James Gibbons forderte statt der Errichtung deutschsprachiger Parallelstrukturen die rasche Amerikanisierung der Einwanderer voranzutreiben. Auch das klingt heutigen Ohren bekannt.

 

Cahensly erhielt für sein Engagement 1899 das päpstliche Ehrenkreuz „Pro ecclesia et pontifice“. 1913 wurde ihm die Ehrenmitgliedschaft des Deutschen Caritasverbandes zuerkannt. 1913 wurde er zum Ehrenbürger der Stadt Limburg ernannt. Das Raphaelswerk berät heute im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz nicht nur auswanderungswillige Deutsche, sondern auch Flüchtlinge anderer Nationen.

 

Was lässt sich heute aus dem Engagement Peter Paul Cahenslys lernen? Wären der Schutz und die Unterstützung von vor Gewalt, Verfolgung, Hunger, Elend und Perspektivenlosigkeit fliehenden Menschen aus dem Nahen Osten und Afrika nicht die konsequente Fortführung seines Engagements für die deutschen Emigranten im 19. Jahrhundert? Und vermag die Rückbesinnung auf die eigene Geschichte nicht auch den nationalstaatlichen Egoismus, der die gegenwärtigen europäische Debatte prägt, etwas zurecht zu rücken?

 

Deutschland ist übrigens immer noch ein Auswanderungsland. Jedes Jahr verlassen 25.000 Deutsche ihre Heimat.

  • t

    Sebastian Pittl

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